Kloster Einsiedeln entdecken: Barockpracht, Pilgerwege und lebendige Geschichte

Schon der erste Blick auf das Kloster Einsiedeln macht klar: Dieser Ort ist weit mehr als eine schöne Kulisse. Hinter der mächtigen Barockfassade leben Mönche, beten Pilger und ruhen Bücher, die viele Jahrhunderte überdauert haben.

Wer das Kloster besucht, begegnet deshalb keinem stillgelegten Denkmal. Die Benediktinerabtei ist ein lebendiger religiöser Ort, eine bedeutende Schweizer Sehenswürdigkeit und ein erstaunlich vielseitiges Ausflugsziel.

Wo ein Einsiedler Geschichte schrieb

Die Anfänge des Klosters liegen lange vor der heutigen Barockanlage. Im 9. Jahrhundert zog sich der Mönch Meinrad in die Gegend zurück. Er lebte als Einsiedler an jenem Ort, an dem sich heute das Kloster befindet. Nach seinem Tod im Jahr 861 blieb die Erinnerung an ihn lebendig. Weitere Einsiedler liessen sich in der Umgebung seiner Zelle nieder.

Als eigentliches Gründungsjahr des Klosters gilt 934. Damals formte Eberhard, zuvor Dompropst in Strassburg, die Gemeinschaft der Einsiedler zu einem Benediktinerkloster. Damit begann eine Entwicklung, die weit über die Region hinauswirkte. Das Kloster wurde zu einem religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum.

Wer tiefer in die Geschichte des Klosters Einsiedeln eintaucht, entdeckt ein Stück Schweizer Geschichte voller Umbrüche. Brände, politische Konflikte, Plünderungen und Wiederaufbau hinterliessen ihre Spuren. Dennoch blieb die Abtei über mehr als tausend Jahre bestehen.

Barock, der Eindruck macht

Die heutige Klosterkirche entstand zwischen 1719 und 1735 nach Plänen des Klosterbruders Kaspar Moosbrugger. Sie ist rund 100 Meter lang und bildet das Herzstück der grossen Anlage. Ihre Dimensionen beeindrucken bereits von aussen. Die eigentliche Überraschung wartet jedoch hinter dem Eingang.

Im Inneren entfaltet sich eine helle, bewegte Barockwelt. Stuck, Fresken, Säulen, Altäre und geschwungene Formen greifen ineinander. Wesentlich geprägt wurde die Ausstattung durch die Brüder Cosmas Damian und Egid Quirin Asam, die zu den bedeutenden Künstlern des süddeutschen Barocks zählen.

Es lohnt sich, den Blick langsam durch den Raum wandern zu lassen. Viele Einzelheiten erschliessen sich erst nach einigen Minuten. Figuren scheinen aus der Architektur hervorzutreten, gemalte Szenen öffnen den Blick scheinbar in den Himmel und selbst kleine Ornamente sind sorgfältig ausgearbeitet.


Kunstvolle Stuckarbeiten, warme Holzvertäfelungen und sorgfältig gearbeitete Einbauten prägen diesen historischen Innenraum der Abtei Einsiedeln. Das Zusammenspiel von Handwerkskunst und liturgischer Nutzung zeigt, dass das Kloster bis heute ein lebendiger religiöser Ort ist und keine reine Museumskulisse.

Die Schwarze Madonna und ihre besondere Geschichte

Im westlichen Teil der Kirche befindet sich die Gnadenkapelle mit der Schwarzen Madonna. Sie ist das religiöse Zentrum der Wallfahrt und für viele Besucherinnen und Besucher der wichtigste Ort innerhalb der Kirche.

Die spätgotische Marienfigur entstand zwischen 1440 und 1465 vermutlich im süddeutschen Raum. Nachdem ein älteres Marienbild beim Brand vom 21. April 1465 verloren gegangen war, kam die heutige Figur im Sommer 1466 in die Kapelle. Sie ist aus Lindenholz geschnitzt und 117 Zentimeter hoch.

Oft heisst es verkürzt, die Madonna sei allein durch Kerzenruss schwarz geworden. Tatsächlich verdunkelten Russ und Rauch von Kerzen und Öllampen die ursprünglich bemalten Gesichter und Hände im Laufe der Zeit. Nachdem die Figur während der französischen Besetzung in Sicherheit gebracht und restauriert worden war, erhielt ihr Gesicht 1799 eine vollständig schwarze Fassung. 1803 kehrte die Madonna nach Einsiedeln zurück.

Auch ihre prächtigen Gewänder fallen auf. Seit dem 17. Jahrhundert wird die Figur nach dem Vorbild spanischer Hofkleidung eingekleidet. Heute besitzt das Kloster eine umfangreiche Sammlung unterschiedlicher Gewänder, die je nach kirchlichem Fest und Jahreszeit gewechselt werden.

Warum Menschen seit Jahrhunderten nach Einsiedeln pilgern

Anders als zahlreiche bekannte Wallfahrtsorte geht Einsiedeln nicht auf eine Marienerscheinung zurück. Die Wallfahrt entwickelte sich aus der langen klösterlichen Tradition und der Verehrung des heiligen Meinrad. Im klassischen Sinn lässt sie sich mindestens bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Schriftliche Berichte liegen seit dem frühen 14. Jahrhundert vor.

Bis heute erreicht ein Teil der Gäste das Kloster zu Fuss. Einsiedeln liegt an der ViaJacobi, die als Teil des Jakobswegs durch die Schweiz führt. Die Schweizer Jakobswege verbinden spirituelle Tradition mit Bewegung und Landschaftserlebnis.

Doch niemand muss eine tagelange Pilgerreise unternehmen, um die besondere Atmosphäre wahrzunehmen. Schon ein ruhiger Moment in der Kirche vermittelt einen Eindruck davon, weshalb Menschen diesen Ort seit Jahrhunderten aufsuchen. Wer den klösterlichen Tagesrhythmus erleben möchte, kann sich am aktuellen Gottesdienstplan orientieren. Auf die nachmittägliche Vesper folgt traditionell das gesungene „Salve Regina“ bei der Gnadenkapelle.


Ein Klosterbesuch lässt sich gut mit einem Rundgang durch Einsiedeln oder einem Ausflug in die voralpine Umgebung verbinden. Der Ort ist Ausgangspunkt für Spaziergänge, Wanderungen und Abschnitte der ViaJacobi.

Bücherschätze hinter historischen Mauern

Eine der grössten Überraschungen wartet in der Stiftsbibliothek. Ihre Geschichte reicht bis zur Gründung des Klosters zurück. Heute umfasst der Bestand rund 1280 Handschriften, mehr als 1100 Inkunabeln und frühe Drucke sowie ungefähr 230’000 Bände.

Die Zahlen klingen abstrakt, bis man sich vorstellt, dass manche Bücher entstanden, als jedes einzelne Wort von Hand geschrieben werden musste. Das mittelalterliche Skriptorium des Klosters war ein bedeutender Ort der Buchherstellung und Buchkunst. Besonders während der ottonischen und romanischen Epoche entstanden hier wertvolle Handschriften.

Ein Teil der historischen Bestände wird im prächtigen Bibliothekssaal aufbewahrt. Der Raum gehört zum frühen Rokoko und kann im Rahmen bestimmter Klosterführungen besichtigt werden. Spontan durch alle Bereiche der Bibliothek zu schlendern, ist dagegen nicht möglich. Das Kloster ist schliesslich kein Museum, sondern Wohn-, Arbeits- und Bildungsort.

Wer selbst ausprobieren möchte, wie sich historisches Schreiben anfühlt, findet im „Skriptorium“ eine passende Ergänzung. Die Kombination aus Museum und Werkstatt vermittelt anschaulich, wie früher mit Feder und Tinte geschrieben wurde.

Ein Kloster, in dem der Alltag weitergeht

Im Kloster Einsiedeln leben heute rund 40 Benediktinermönche. Ihr Tagesablauf wird durch gemeinsame Gebetszeiten, Gottesdienste, Arbeit und persönliche Aufgaben gegliedert. Fünfmal täglich versammelt sich die Gemeinschaft zum Chorgebet oder zur Eucharistiefeier.

Zur Anlage gehören weit mehr Bereiche, als Besucher von aussen erkennen können. Schule, Bibliothek, Archiv, Werkstätten, Garten, Stallungen und weitere Betriebe bilden einen vielschichtigen Organismus. Rund 430 Schülerinnen und Schüler lernen hier, etwa 180 Menschen haben auf dem Klostergelände ihren Arbeitsplatz.

Das folgende offizielle Kurzporträt gibt einen Einblick in das heutige Klosterleben:



So gelingt der Besuch

Die Klosterkirche ist grundsätzlich frei zugänglich. Da sie ein Gebets- und Gottesdienstraum ist, sollte der Besuch entsprechend respektvoll erfolgen. Leise Gespräche, ausgeschaltete Klingeltöne und Rücksicht während religiöser Feiern verstehen sich von selbst.

Für einen ersten Rundgang sollten Besucher mindestens eine Stunde einplanen. Wer zusätzlich an einer Führung teilnimmt, die Bibliothek besichtigt oder das Skriptorium besucht, kann ohne Weiteres einen halben Tag im Kloster verbringen. Die aktuellen Öffnungs-, Führungs- und Gottesdienstzeiten sollten vor der Anreise auf der offiziellen Internetseite geprüft werden. Religiöse Feiertage und klösterliche Veranstaltungen können den üblichen Ablauf verändern.

Geführte Rundgänge sind besonders empfehlenswert. Viele Räume bleiben ohne Führung verschlossen, und zahlreiche Details der Kirche lassen sich mit fachkundiger Erklärung leichter einordnen. Die Führungen durch Klosterkirche und Bibliothek werden über die lokale Tourismusorganisation angeboten.

Klosterbesuch und Ausflug verbinden

Nach dem Rundgang lohnt sich Zeit für Einsiedeln selbst. Der Ort lässt sich bequem zu Fuss erkunden. Cafés und Restaurants bieten Gelegenheit für eine Pause, bevor es weiter in die Umgebung geht.

Wer Bewegung einbauen möchte, kann einen Spaziergang oder eine kurze Wanderung anschliessen. Auch der nahe Sihlsee bietet sich als Ergänzung an. So entsteht ein abwechslungsreicher Tagesausflug aus Kultur, Geschichte, Natur und einer Portion klösterlicher Ruhe.

Das Kloster funktioniert dabei zu jeder Jahreszeit anders. Im Sommer beleben Ausflugsgäste und Pilger den weitläufigen Platz. An kühlen oder regnerischen Tagen rücken Kirche, Bibliothek und Innenräume stärker in den Mittelpunkt. Gerade diese Wandelbarkeit macht Einsiedeln zu einem Ziel, das sich auch bei einem späteren Besuch neu entdecken lässt.

Ein lebendiger Ort statt einer historischen Kulisse

Das Kloster Einsiedeln verbindet über tausend Jahre Geschichte mit einem Alltag, der bis heute vom benediktinischen Leben geprägt ist. Die barocke Kirche sorgt für den grossen ersten Eindruck. Die Schwarze Madonna, die wertvollen Bücher und die Geschichten der Menschen hinter den Mauern geben dem Besuch seine Tiefe.

Wer offen und mit etwas Zeit kommt, erlebt einen Ort, der Kunstgeschichte, Spiritualität und Schweizer Kultur erstaunlich leicht zusammenbringt. Man muss dafür weder Kunstexperte noch Pilger sein. Neugier genügt.

 

Bildquellen: Bild 1: Kloster Einsiedeln © Mark John Holloway/Shutterstock.com; Bild 2: Kloster Einsiedeln © Alexander Chaikin/Shutterstock.com; Bild 3: Einsiedeln und Umgebung © Judith Linine/Shutterstock.com

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