Fledermäuse in der Schweiz: Heimliche Jäger zwischen Dachstock und Waldrand

Sie wiegt kaum mehr als ein Stück Würfelzucker und legt in der Nacht erstaunliche Strecken zurück. Fledermäuse leben mitten unter uns: in Dachstöcken, Fassadenspalten, Baumhöhlen und Felsspalten. In der Schweiz sind 30 Arten nachgewiesen. Damit bilden sie hierzulande die artenreichste Gruppe unter den Säugetieren.

Viele Menschen sehen Fledermäuse lediglich als schnelle Schatten am Abendhimmel. Dabei unterscheiden sich die einzelnen Arten deutlich. Manche jagen über Seen, andere zwischen Bäumen oder entlang von Hecken. Einige beziehen ihre Wochenstuben in Gebäuden. Andere benötigen alte Wälder, Höhlen oder ungestörte Felsspalten.

War die kleine Fledermaus eine Zwergfledermaus?

Eine sehr kleine Fledermaus mit warmbraunem Fell, dunkler Schnauze und relativ kurzen Ohren könnte eine Zwergfledermaus sein. Die Art ist ausserhalb des Hochgebirges fast in der ganzen Schweiz verbreitet. Sie wiegt gemäss dem aktuellen Artenporträt der Stiftung Fledermausschutz lediglich drei bis acht Gramm. Ihre Flügelspannweite erreicht dennoch 18 bis 24 Zentimeter.

Eine sichere Bestimmung anhand eines einzelnen Fotos ist kaum möglich. Mückenfledermaus, Rauhautfledermaus, Bartfledermaus und weitere kleine Arten können ähnlich aussehen. Auch Licht, Perspektive und Körperhaltung verändern den Eindruck.

Für eine verlässliche Zuordnung benötigen Fachleute oft mehrere Merkmale. Dazu gehören Unterarmlänge, Ohrenform, Zähne, Fellfärbung und die Gestalt der Flughäute. Manchmal werden auch Ultraschallrufe oder genetische Untersuchungen herangezogen.

Die Bartfledermaus ist ein gutes Beispiel für diese Schwierigkeit. Sie wiegt ungefähr drei bis zehn Gramm und besitzt ebenfalls ein braunes Fell. Nachweise liegen aus weiten Teilen der Schweiz vor. Besonders im Mittelland, im Jura und in den Voralpen zeigt sich eine grössere Verbreitungsdichte.


Fledermäuse lassen sich im schnellen Flug nur schwer fotografieren und bestimmen. Für eine sichere Artzuordnung reichen Grösse und Fellfarbe auf einem einzelnen Bild meist nicht aus.

30 Arten mit sehr unterschiedlichen Ansprüchen

Die Schweizer Fledermauswelt reicht von winzigen Pipistrellus-Arten bis zu deutlich grösseren Mausohren und Abendseglern. Jede Art besetzt eine eigene ökologische Nische.

Die Zwergfledermaus kommt gut mit Siedlungen zurecht. Sie bezieht schmale Hohlräume in Fassaden, Zwischendächern oder Rollladenkästen. Ihre Jagdgebiete liegen häufig in Gärten, Parks, an Gewässern und Waldrändern.

Bartfledermäuse orientieren sich stärker an Landschaftsstrukturen. Sie jagen entlang von Hecken, Waldrändern, Obstgärten und baumbestandenen Gewässern. Die Tiere nutzen im Sommer häufig enge Spalten an Gebäuden.

Wasserfledermäuse sind besonders eindrucksvoll zu beobachten. Sie fliegen dicht über ruhigen Wasserflächen und erbeuten dort Insekten. Braune Langohren fallen durch ihre aussergewöhnlich grossen Ohren auf. Das Grosse Mausohr gehört dagegen zu den grösseren einheimischen Arten.

In der Kirche von Fläsch im Kanton Graubünden befindet sich eine der bedeutendsten Mausohrkolonien des Landes. Dort wurden bereits mehr als 1’000 Weibchen gezählt. Das Beispiel zeigt, wie wichtig einzelne Gebäude für den Erhalt einer ganzen regionalen Population sein können.

Die Grosse Hufeisennase: eine der seltensten Arten des Landes

Die Grosse Hufeisennase gehört zu den seltensten Fledermäusen der Schweiz. Ihren Namen verdankt sie einem auffälligen, hufeisenförmigen Hautaufsatz auf der Nase. Dieser unterstützt die Echoortung: Anders als viele andere Fledermäuse sendet sie ihre Ultraschallrufe durch die Nase aus.

Mit einer Flügelspannweite von etwa 33 bis 40 Zentimetern ist sie deutlich grösser als die Zwergfledermaus. Ihre breiten Flügel machen sie besonders wendig. Grosse Hufeisennasen jagen vor allem in lichten Wäldern und strukturreichen Landschaften. Häufig warten sie kopfüber an einer geeigneten Stelle, bis ein grosser Käfer oder Nachtfalter vorbeifliegt.

Im 19. Jahrhundert war die Art in der Schweiz noch wesentlich weiter verbreitet. Quartierverluste, der Rückgang geeigneter Lebensräume und der Einsatz von Pestiziden liessen ihre Bestände stark einbrechen. Heute gilt sie hierzulande als vom Aussterben bedroht. Landesweit sind nur vier Wochenstubenkolonien bekannt.

Umso bemerkenswerter ist ein aktueller Nachweis im Kanton Schaffhausen. Ein im benachbarten Baden-Württemberg mit einem Sender ausgestattetes Weibchen wurde ab 2023 wiederholt auf Schweizer Gebiet festgestellt. Im April 2026 fotografierte eine automatische Wildtierkamera in einem Kanalschacht eine unberingte Grosse Hufeisennase. Damit war klar, dass sich mindestens ein weiteres Tier in der Region aufhält. Mehr über diesen aussergewöhnlichen Fund erfahren Sie im Beitrag über die Rückkehr der Grossen Hufeisennase nach Schaffhausen.

Orientierung mit Ultraschall

Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die aktiv fliegen können. Ihre verlängerten Finger tragen eine dünne, elastische Flughaut. Damit können die Tiere in der Luft schnell abbremsen, die Richtung wechseln und selbst kleine Beutetiere verfolgen.

Bei der Orientierung spielt die Echoortung eine zentrale Rolle. Fledermäuse senden kurze Ultraschallrufe aus. Treffen die Schallwellen auf ein Hindernis oder ein Insekt, kehren sie als Echo zurück. Aus diesen Informationen erkennt das Tier Entfernung, Richtung, Grösse und teilweise sogar die Oberflächenstruktur eines Objekts.

Die meisten Ortungsrufe liegen ausserhalb des menschlichen Hörbereichs. Mit einem Fledermausdetektor lassen sie sich in hörbare Signale umwandeln. Fachleute können bestimmte Arten anhand der Frequenz, des Rhythmus und der Form ihrer Rufe eingrenzen. Ganz eindeutig ist auch diese Methode nicht immer.

Was Schweizer Fledermäuse fressen

Die einheimischen Arten ernähren sich fast vollständig von Gliederfüssern. Auf dem Speiseplan stehen unter anderem Mücken, Schnaken, Käfer, Nachtfalter, Fliegen und Spinnen. Tropische Früchte oder Blut spielen bei Schweizer Fledermäusen keine Rolle.

In einer aktiven Nacht kann eine Fledermaus einen erheblichen Teil ihres eigenen Körpergewichts fressen. Dafür benötigt sie Landschaften, in denen genügend Insekten leben. Gewässer, Hecken, artenreiche Wiesen, alte Bäume und naturnahe Gärten sind besonders wertvoll.

Monotone Flächen, ein hoher Pestizideinsatz und sterile Gärten reduzieren das Nahrungsangebot. Wer Fledermäusen helfen möchte, kann daher zuerst die Insektenvielfalt fördern. Heimische Pflanzen und ungefüllte Blüten bieten zahlreichen Beutetieren Nahrung. Anregungen dafür liefert der Beitrag über Wildstauden und Biodiversität im Garten.


Eine Braune Langohrfledermaus nähert sich im Flug einer Motte. Die in der Schweiz vorkommende Art ernährt sich hauptsächlich von Nachtfaltern und anderen Insekten.

Wochenstuben: Kinderzimmer im Dachstock

Im Frühling schliessen sich die Weibchen vieler Arten zu sogenannten Wochenstuben zusammen. Dort bringen sie ihre Jungen zur Welt und ziehen sie gemeinsam auf. Meist wird pro Jahr nur ein Jungtier geboren. Zwillinge sind bei einzelnen Arten möglich, bleiben aber die Ausnahme.

Die Mütter verlassen das Quartier in der Nacht zur Jagd. Die Jungtiere bleiben zunächst zurück. Nach etwa vier bis acht Wochen unternehmen sie ihre ersten eigenen Flüge.

Eine Wochenstube kann aus wenigen Tieren oder aus mehreren Hundert Weibchen bestehen. Ruhe und ein stabiles Mikroklima sind jetzt entscheidend. Wird ein Zugang mitten in der Aufzuchtzeit verschlossen, können Muttertiere von ihren Jungen getrennt werden.

Kleine Kotkrümel unter einem Einflugspalt bedeuten übrigens nicht automatisch, dass ein Gebäude beschädigt wird. Fledermäuse nagen keine Löcher in Holz oder Dämmstoffe. Häufig nutzen sie bereits vorhandene Spalten.

Winterruhe mit sehr knappen Energiereserven

Insekten werden im Winter selten. Einheimische Fledermäuse überstehen diese Zeit deshalb im Winterschlaf. Dabei sinken Körpertemperatur, Herzschlag, Atmung und Energieverbrauch stark ab.

Als Winterquartiere dienen je nach Art Höhlen, Stollen, Keller, Felsspalten, Baumhöhlen oder geschützte Hohlräume an Gebäuden. Die Plätze müssen kühl, frostfrei und möglichst störungsarm sein.

Wird eine schlafende Fledermaus wiederholt geweckt, verbraucht sie wertvolle Fettreserven. Diese Energie kann ihr am Ende des Winters fehlen. Höhlenbesucher, Fotografen und Geocacher sollten bekannte Winterquartiere deshalb meiden und Zugangsbeschränkungen beachten.

Nicht alle Tiere bleiben in derselben Region. Rauhautfledermäuse können zwischen Sommer- und Winterlebensraum mehr als 1’000 Kilometer zurücklegen. Der dokumentierte Rekord liegt gemäss der Stiftung Fledermausschutz bei rund 1’900 Kilometern.


Während des Winterschlafs senken Fledermäuse ihren Energieverbrauch stark. Störungen können lebenswichtige Fettreserven aufzehren und sollten unbedingt vermieden werden.

Warum viele Arten gefährdet sind

Nicht jede Schweizer Fledermausart ist selten. Die Zwergfledermaus gilt beispielsweise als nicht gefährdet. Bei zahlreichen spezialisierten Arten sieht die Lage jedoch anders aus.

Die derzeit veröffentlichte nationale Rote Liste beruht auf dem Datenstand von 2011. Damals wurden 15 der 26 bewerteten Arten als gefährdet eingestuft. Weitere sieben galten als potenziell gefährdet. Besonders betroffen waren Arten, die auf Dachstöcke oder strukturreiche Kulturlandschaften angewiesen sind.

Zu den wichtigsten Belastungen zählen:

  • der Verlust von Quartieren durch Renovationen und Gebäudeabbrüche;
  • das Verschliessen von Einflugöffnungen;
  • Störungen in Wochenstuben und Winterquartieren;
  • der Rückgang von Hecken, alten Bäumen und artenreichen Wiesen;
  • der Einsatz von Pestiziden und giftigen Holzschutzmitteln;
  • künstliche Beleuchtung an Quartieren und Flugkorridoren;
  • Kollisionen mit Verkehrsanlagen und Windenergieanlagen.

Alle einheimischen Fledermausarten sind in der Schweiz bundesrechtlich geschützt. Sie dürfen weder getötet noch verletzt oder gefangen werden. Auch ihre Fortpflanzungsstätten stehen unter Schutz.

Bei Renovationen frühzeitig Fachleute einbeziehen

Ein Fledermausquartier bedeutet nicht, dass eine Sanierung unmöglich wird. Zeitpunkt und Ausführung müssen jedoch abgestimmt werden. Bekannte Einflugöffnungen dürfen nicht einfach verschlossen werden.

Am besten wird die regionale Koordinationsstelle für Fledermausschutz bereits während der Planung kontaktiert. Häufig lassen sich Arbeiten in eine Zeit verlegen, in der das Quartier nicht belegt ist. Spalten können erhalten oder durch geeignete Ersatzquartiere ergänzt werden.

Fledermauskästen sind eine sinnvolle Unterstützung, ersetzen ein bestehendes Quartier aber nicht automatisch. Sie müssen zur vorkommenden Art passen, richtig montiert werden und freie Anflugmöglichkeiten bieten.

Auch die Beleuchtung verdient Aufmerksamkeit. Lampen sollten nur dort brennen, wo sie tatsächlich benötigt werden. Warmes, nach unten gerichtetes Licht und Bewegungsmelder reduzieren die Belastung. Einflugöffnungen und wichtige Flugwege bleiben am besten dunkel.

Fledermäuse beobachten, ohne sie zu stören

Die besten Beobachtungschancen bieten warme, trockene Abende. An Gewässern, Waldrändern, Hecken und älteren Gebäuden erscheinen die ersten Tiere häufig kurz nach Sonnenuntergang.

Eine Taschenlampe sollte sparsam eingesetzt und niemals direkt auf einen Quartiereingang gerichtet werden. Fledermäuse dürfen nicht angefasst, verfolgt oder aus ihrem Versteck geholt werden. Besonders spannend sind geführte Exkursionen mit einem Ultraschalldetektor.

In vielen Kantonen veranstalten regionale Fachstellen und Naturschutzorganisationen Fledermausabende.

Eine Fledermaus gefunden: So handeln Sie richtig

Eine Fledermaus am Boden, an einer Hauswand oder in einem Zimmer ist nicht zwangsläufig verletzt. Jungtiere können erste Flugversuche unternehmen. Erwachsene Tiere geraten gelegentlich durch ein offenes Fenster in einen Raum oder sind nach einer Kollision vorübergehend benommen.

Wichtig ist ein ruhiges und vorsichtiges Vorgehen:

  • Fassen Sie das Tier niemals mit blossen Händen an.
  • Halten Sie Kinder, Katzen und Hunde fern.
  • Tragen Sie feste Handschuhe, wenn das Tier gesichert werden muss.
  • Verwenden Sie einen kleinen Karton mit sehr kleinen Luftlöchern und zerknülltem Haushaltspapier.
  • Verschliessen Sie sämtliche Spalten des Kartons sorgfältig.
  • Bewahren Sie ihn bis zur fachlichen Beratung kühl, ruhig und dunkel auf.
  • Versuchen Sie nicht, die Fledermaus zu füttern.

Fliegt zwischen April und Oktober am Abend eine gesunde Fledermaus in ein Zimmer, werden Licht und Ventilator ausgeschaltet. Öffnen Sie das Fenster vollständig, entfernen Sie Vorhänge aus dem Flugweg und verlassen Sie nach Möglichkeit den Raum. Das Tier findet den Ausgang häufig selbst.

Verletzte Tiere, Katzenopfer, sehr junge Fledermäuse und Tiere, die nicht mehr abfliegen, benötigen fachkundige Hilfe. Das Fledermaus-Nottelefon der Stiftung Fledermausschutz ist rund um die Uhr unter 079 330 60 60 erreichbar. Der Dienst bittet ausdrücklich um Anrufe; SMS und Nachrichten über Messenger werden nicht bearbeitet.

Bei einem Biss oder Kratzer sollte die Wunde sofort gründlich mit Wasser und Seife gereinigt und unverzüglich medizinisch beurteilt werden. Dieses vorsichtige Vorgehen dient dem Schutz von Mensch und Tier.

Video-Tipp: Wie Fledermäuse leben und sich orientieren

Der rund 13-minütige Beitrag von SRF school erklärt Echoortung, Fortpflanzung, Nahrungssuche und Winterschlaf. Das Video ist deutschsprachig, im Querformat produziert und deutlich ausführlicher als ein kurzer Werbeclip.



Fazit

Fledermäuse sind keine unheimlichen Eindringlinge, sondern hoch spezialisierte einheimische Wildtiere. Sie jagen Nacht für Nacht grosse Mengen Insekten und besetzen Lebensräume vom Stadtzentrum bis in alpine Höhen.

Gerade ihre Nähe zum Menschen macht sie verletzlich. Ein verschlossener Fassadenspalt, ein beleuchteter Quartiereingang oder eine unbegleitete Dachsanierung kann eine ganze Kolonie treffen. Wer Quartiere schützt, nachts etwas Dunkelheit zulässt und im Garten die Insektenvielfalt fördert, hilft deshalb weit mehr als nur einer einzelnen Fledermausart.

 

Bildquellen: Bild 1: Symbolbild © MMartin Janca/Shutterstock.com; Bild 2: Symbolbild © dean bertoncelj/Shutterstock.com; Bild 3: Symbolbild © Rudmer Zwerver/Shutterstock.com; Bild 4: Symbolbild © MMartin Janca/Shutterstock.com.

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