Dachdecker EFZ: Lehrberuf, Karriere und Schlüsselberuf für Architekten

Frühmorgens, wenn die meisten noch schlafen, steigen sie bereits aufs Dach. Mit einem Blick über die Dächer einer ganzen Stadt fangen Dachdecker ihren Arbeitstag an – bei Sonne, Wind und manchmal auch Regen. Was nach Abenteuerlust klingt, ist ein anspruchsvoller Lehrberuf mit echten Zukunftsaussichten und einem Lohn, der sich ab dem ersten Arbeitstag nach Lehrabschluss sehen lassen kann.

Der Dachdecker EFZ ist einer der wenigen Bauberufe, bei dem das Ergebnis der eigenen Arbeit buchstäblich für alle sichtbar ist: auf jedem Dach, das man in der Strasse passiert. Gleichzeitig gehört er zu jenen Berufen, die viele unterschätzen – dabei ist er technisch vielseitiger, körperlich fordernder und karrieremässig offener als die meisten vermuten.

Was Dachdecker wirklich den ganzen Tag machen

Dachdecker sind zuständig für das Decken geneigter Dächer bei Neu- und Umbauten. Je nach Dachform und Gebäudetyp verlegen sie Tonziegel, Metall- oder Schieferplatten und Faserzementpaneele. Doch das ist nur ein Teil der Arbeit. Darunter bauen sie Unterdächer, Dampfbremsen und Wärmedämmungen ein, die dafür sorgen, dass im Winter die Wärme im Haus bleibt und im Sommer die Wärme draussen. Dachfenster montieren, Kamine abdichten, beschädigte Ziegel ersetzen, Solarmodule installieren – all das gehört ebenfalls zum Alltag.


Präzisionsarbeit auf dem Steildach: Jede Schieferplatte muss exakt sitzen – das Fugenbild ist am Ende auf jedem Haus sichtbar.

Wer morgens zur Arbeit erscheint, beginnt im Betrieb: Materialbedarf berechnen, Pläne studieren, Ware aus dem Lager holen und aufs Fahrzeug laden. Dann geht es auf die Baustelle – und dort zählt Präzision. Damit das Fugenbild am Ende gerade ist, werden Dachlatten parallel zum First angenagelt und die Ziegeleinteilung genau markiert. Jeder Handgriff hat seinen Grund. Nicht umsonst gibt es die Redewendung: „Das kannst du halten wie ein Dachdecker» – gemeint ist die Freiheit, eigene Lösungen zu finden, solange das Ergebnis stimmt.

Was man mitbringen muss

Schwindelfrei zu sein ist die bekannteste Voraussetzung – und eine echte. Die Arbeit findet auf geneigten Flächen statt, oft in mehreren Metern Höhe, und das bei jedem Wetter. Doch laut dem offiziellen Berufsbeschrieb auf berufsberatung.ch braucht es mehr: körperliche Fitness und Beweglichkeit, handwerkliches Geschick, räumliches Vorstellungsvermögen und technisches Verständnis. Teamgeist ist ebenfalls wichtig, denn Dachdecker arbeiten fast immer in kleinen Kolonnen, in denen jeder auf den anderen angewiesen ist. Wer früh aufstehen kann, bei Regen nicht gleich den Mut verliert und mit den Händen arbeiten will, findet in diesem Beruf einen Arbeitsalltag, der sich von Büroberufen fundamental unterscheidet. Wer hingegen schon beim Gedanken an hohe Gerüste Schwindelgefühle bekommt, sollte ehrlich mit sich sein und einen anderen Weg suchen.

Sicherheit auf dem Dach: Mehr als nur ein Helm

Die Arbeit auf dem Dach birgt echte Risiken, und die Branche nimmt das ernst. Bereits in der Ausbildung werden Lernende systematisch in die Sicherheitsmassnahmen eingeführt: Absturzsicherungen, Gerüstvorschriften, korrekte Sicherung von Materialien und der Umgang mit Absperrungen auf der Baustelle. Die Suva begleitet die Gebäudehüllenbranche mit gezielten Präventionsprogrammen. Dachdecker tragen einen Schutzhelm, halten sich an strenge Absturzschutzregeln und sind durch den Landesmantelvertrag (LMV) in ihren Arbeitsbedingungen geschützt. Wer die Sicherheitsregeln konsequent einhält, macht einen Beruf aus dem Arbeiten in der Höhe, der statistisch nicht gefährlicher ist als viele andere Bauberufe – aber eben nur dann, wenn alle Vorschriften eingehalten werden.

Ausbildung: Drei Jahre, die sich auszahlen

Die Lehre zum Dachdecker EFZ dauert drei Jahre. Der Ausbildungsort ist ein Betrieb der Gebäudehüllenbranche, ergänzend dazu besuchen Lernende rund acht Wochen pro Jahr als Blockkurse eine der drei Berufsfachschulen in Uzwil (SG), Les Paccots (FR) oder Lugano-Trevano (TI). Diese überregionale Organisation zeigt, wie spezialisiert die Branche ist. Im ersten Lehrjahr teilen sich angehende Dachdecker die Grundausbildung mit Lernenden der Nachbarberufe Abdichter, Fassadenbauer, Gerüstbauer und Storenmonteur – das erleichtert später den Wechsel zwischen diesen Berufen erheblich.

Wer einen einfacheren Einstieg bevorzugt, kann zunächst die zweijährige Attestlehre als Dachdeckerpraktiker EBA absolvieren und danach in einer verkürzten Ausbildung den EFZ-Abschluss nachholen. Die Voraussetzung für die Lehre ist ein abgeschlossener Volksschulabschluss. Viele Betriebe verlangen zusätzlich einen Eignungstest wie den Multicheck oder den Basic-Check – Informationen dazu liefert das regionale Berufsinformationszentrum (BIZ). Auch Schnupperlehren sind möglich und werden von vielen Betrieben angeboten; sie sind der direkteste Weg herauszufinden, ob einem die tägliche Arbeit auf dem Dach tatsächlich liegt.

Lohn: Was Dachdecker verdienen

Nach Lehrabschluss gilt laut dem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) des schweizerischen Gebäudehüllengewerbes ein Mindestlohn von 4’500 Franken im Monat. Bei 13 Monatslöhnen ergibt das 58’500 Franken im Jahr – ein solider Einstieg für einen Berufseinsteiger ohne Hochschulabschluss. Laut GAV steigt dieser Mindestlohn in den ersten fünf Berufsjahren jährlich um rund vier Prozent, was nach fünf Jahren einem Mindestjahresgehalt von rund 71’000 Franken entspricht. Die tatsächlichen Löhne können je nach Betrieb, Region und Zusatzqualifikationen höher liegen. Dachdeckerpraktiker EBA starten etwas tiefer, in einem Bereich zwischen 54’000 und 64’000 Franken je nach Erfahrung. Wer den Schritt in Führungspositionen macht, kann als Bauführer oder Betriebsleiter deutlich mehr verdienen.

Video-Tipp: Zwei Lernende berichten aus dem Alltag

Ayleen und Janick sind beide in der Dachdecker-Lehre und zeigen, wie ihr Arbeitsalltag auf dem Dach wirklich aussieht – von der Ziegelmontage bis zur Installation von Solarmodulen. Das Video stammt vom Schweizer Branchenverband «hoch-hinaus» der Gebäudehülle.



Karriere: Vom Lernenden bis zum Betriebsinhaber

Der Dachdecker EFZ ist kein Abschluss, der in einer Sackgasse endet. Die Gebäudehüllenbranche bietet eines der am besten strukturierten Weiterbildungssysteme im Schweizer Baugewerbe. Mit einer einjährigen Zusatzlehre kann man Abdichter, Fassadenbauer oder Gerüstbauer werden. Eine zwei- bis dreijährige Ausbildung führt zum Solarinstallateur EFZ – ein Abschluss mit besonders guten Berufsaussichten, da die Solarmontage auf Schweizer Dächern stark zunimmt. Wer weiter aufsteigen möchte, erwirbt den Eidgenössischen Fachausweis als Bauführer Gebäudehülle oder als Projektleiter Solarmontage – beides trägt nach dem neuen Schweizer Bildungssystem den Titel «Professional Bachelor». Die höchste Stufe in der Berufsbildung ist der «Professional Master» als dipl. Gebäudehüllenplaner HFP. Und wer die Berufsmaturität nachholt, kann an der Hochschule Luzern Bauingenieurwesen mit Fachrichtung Gebäudehülle studieren – ein akademischer Abschluss, der direkt auf der Berufslehre aufbaut.


Solarmontage als Zusatzqualifikation: Dachdecker mit Solarinstallateur-Ausbildung gehören zu den gefragtesten Fachkräften der Branche.

Warum der Beruf Zukunft hat

Die Schweizer Bevölkerung wächst laut Bundesamt für Statistik (BFS) jährlich um eine mittelgrosse Stadt. Neue Wohn- und Gewerbebauten entstehen laufend, und gleichzeitig müssen Hunderttausende ältere Gebäude energetisch saniert werden – ein Riesenprogramm, das sich über Jahrzehnte erstreckt. Beides schafft dauerhaft Arbeit für die Gebäudehüllenbranche. Dazu kommt der Solarboom: Immer mehr Eigentümer lassen Photovoltaikanlagen auf ihren Dächern installieren, was Dachdecker mit Zusatzausbildung Solarinstallateur zu besonders gefragten Fachkräften macht. In Verbindung mit dem allgemeinen Fachkräftemangel auf dem Bau bedeutet das: Wer diesen Beruf lernt, hat in der Schweiz auch in zwanzig Jahren gute Aussichten auf einen sicheren Arbeitsplatz.

Was Architekten vom Dachdecker wissen sollten

Viele Architekten denken ans Dach erst, wenn der Rohbau steht. Dabei beginnt die Zusammenarbeit mit dem Dachdecker sinnvollerweise viel früher – am Zeichentisch. Denn die Dachform entscheidet, welche Materialien passen und wie die Konstruktion aufgebaut sein muss. Ein Steildach mit Naturschiefer funktioniert bauphysikalisch ganz anders als ein Flachdach mit Bitumenabdichtung oder ein begrüntes Dach. Wer einen erfahrenen Dachdecker früh einbindet, spart sich später Überraschungen auf der Baustelle.

Ein klassischer Stolperstein ist die Abstimmung mit anderen Gewerken. Kamine, Dachfenster, Solaranlagen, Lüftungen – all das muss bereits im Dachaufbau mitgedacht werden, bevor der erste Ziegel verlegt wird. Wird das vergessen, entstehen nachträglich Anschlüsse, die schwierig abzudichten sind und über Jahre Feuchtigkeitsprobleme verursachen können. Frühzeitig planen ist hier fast immer günstiger als nachträglich flicken.

Besonders anspruchsvoll wird es bei Gebäuden unter Denkmalschutz. Kantonale Auflagen schreiben oft sehr spezifische Materialien vor: handgestrichene Tonziegel, Naturschiefer aus bestimmten Regionen oder Kupferblech in historisch passenden Profilen. Dachdecker mit Erfahrung in der Denkmalpflege sind rar – wer solche Projekte plant, sollte früh suchen, denn die Wartezeiten können erheblich sein. Eine erste Anlaufstelle ist der Verein Polybau unter polybau.ch.

Und schliesslich das Thema Solar: Gebäudeintegrierte Photovoltaik, kurz BIPV, macht es möglich, Solarzellen direkt in die Dacheindeckung zu integrieren – kaum sichtbar, aber voll funktionsfähig. Wer als Architekt Ästhetik und Energieeffizienz verbinden will, braucht dafür einen Dachdecker, der auch die Solarinstallateur-Ausbildung mitbringt. Das ist keine Selbstverständlichkeit, lohnt sich aber zu fragen.

Fazit

Der Dachdecker EFZ ist ein Beruf für Menschen, die körperliche Arbeit schätzen, nicht auf ein Büro angewiesen sein wollen und mit ihrer Arbeit etwas hinterlassen möchten, das man sieht. Die Ausbildung ist anspruchsvoll, der Einstiegslohn fair und die Karrierechancen in der Gebäudehüllenbranche besser als in vielen anderen Handwerksberufen. Wer schwindelfrei ist, früh aufstehen kann und kein Problem damit hat, wenn der Tag manchmal nass endet, findet in diesem Beruf einen Arbeitsalltag, der sich kaum je wiederholt.

 

Bildquellen: Bild 1: Symbolbild © Bannafarsai_Stock/Shutterstock.com; Bild 2: Symbolbild © Irene Miller/Shutterstock.com; Bild 3: Symbolbild © Snide12/Shutterstock.com

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