Uri bremst frühe Lehrstellenzusagen: Neue Commitment-Liste soll den Druck reduzieren
von belmedia Redaktion Allgemein Alltag Arbeitswelt Ausbildung Ausbildung & Studium Behörden Beruf Beschäftigung Betrieb Bildung Bildung & Arbeit business24.ch businessaktuell.ch elterntipps.ch familie.ch handwerker24.ch hotelaktuell.ch Inspiration Karriere Magazine nachrichtenticker.ch News Organisationen Regionen Schule Schweiz Schweiz Themen Uri Ⳇ Verbreitung
Seit diesem Frühjahr rückt die Bildungs- und Kulturdirektion im Verbund mit den Akteuren der Berufsbildung und mit verschiedenen Massnahmen und mit Vehemenz dem Phänomen der frühen Lehrstellenzusage zu Leibe. Die jüngste Massnahme ist die Commitment-Liste.
Was es damit auf sich hat, erklären Regierungsrat Georg Simmen, Bildungs- und Kulturdirektor des Kantons Uri, und Angie Arnold, Leiterin der Berufs-, Studien und Laufbahnberatung, im Interview.
Georg Simmen, Sie haben der frühen Lehrstellenzusage den Kampf angesagt. Was ist denn so schlimm daran, wenn ein Lernender und ein Lehrbetrieb sich bereits sehr früh handelseinig werden über den Abschluss eines Lehrvertrags?
Georg Simmen: „Dass sich ein Lernender und ein Lehrbetrieb in Einzelfällen schon im Lauf der zweiten Oberstufe handelseinig werden, ist noch kein Betriebsunfall. In Uri sind wir aber damit konfrontiert, dass weit über die Hälfte der Lernenden bereits in der zweiten Oberstufe eine Lehrstellenzusage haben. Unter diesem Phänomen leiden alle. Die Lehrbetriebe fühlen sich zur frühen Zusage gedrängt, aus der Befürchtung, sie könnten sonst ihre Lehrstellen nicht besetzen. Lernende und Eltern drängen zur Zusage, aus Angst, es entgeht ihnen sonst die Wunschlehre im Wunschbetrieb. Und die Lehrerinnen und Lehrer der Oberstufe weichen vom geltenden Urner Berufswahlfahrplan ab, weil sie sonst zum falschen Zeitpunkt das Falsche unterrichten. Auf der Strecke bleiben der optimale Rekrutierungsprozess bei den Lehrbetrieben und der optimale Berufswahlprozess bei den Lernenden. Dazu fehlen Zeit und die richtige Synchronisierung. In diese Situation sind die Akteure der Berufsbildung gemeinsam hineingeraten, und wir müssen jetzt auch gemeinsam wieder hinaus.“
Warum lassen Sie den Berufswahlprozess nicht einfach früher starten oder kürzen ihn ab?
Angie Arnold: „Eine solide Berufswahl braucht genug Zeit. Da ist es sehr schwer abzukürzen, sonst leidet die Qualität des Entscheids. Die Folge im schlimmsten Fall: Falsche Berufswahl, Lehrabbruch. Das dient weder den Lernenden noch den Lehrbetrieben. Wenn wir den Berufswahlprozess nun einfach früher starten würden, müssten eine Schülerin oder ein Schüler gleich nach der Primarschule damit beginnen, wohl ohne die dafür nötige Reife bereits zu haben. Auch das würde massiv Druck entwickeln und die Qualität des Entscheids beeinträchtigen. Darum wollen wir an unserem bestehenden Berufswahrfahrplan festhalten, der im Übrigen auf den Zentralschweizer Berufswahlfahrplan abgestimmt ist.“
Georg Simmen: „Auch die Umfrage im Anschluss an unsere Veranstaltung Berufswahl in Uri von Mitte Februar hat gezeigt, dass die Lehrbetriebe dem geltenden Urner Berufswahlfahrplan wieder mehr Nachachtung wünschen. Darum haben wir im Frühling entsprechende Massnahmen lanciert. Diese binden alle Akteure in der Berufsbildung ein. Zum einen revidiert der Erziehungsrat zurzeit die Weisungen zur Durchführung von Schnupperlehren auf der Oberstufe: Ab dem kommenden Jahr dürfen die Schulen ihre Zeitfenster für Schnupperlehren erst nach dem 1. März öffnen – mit Ausnahmebewilligungen für bereits von langer Hand geplante Schnupperlehrwochen. So wollen wir verhindern, dass die Jugendlichen sich immer früher bewerben und damit den Entscheidungsdruck für die Lehrbetriebe erhöhen.“
Angie Arnold: „Zum zweiten wird die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung im Rahmen der laufenden Begleitung des Berufswahlprozesses die Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern und auch die Lehrpersonen der Oberstufe noch stärker für das Thema und die Risiken der frühen Lehrstellenzusage sensibilisieren.“
Georg Simmen: „Zum dritten wird sich die kantonale Verwaltung Uri vom kommenden Jahr an strikt an die Empfehlungen des nationalen Commitments zu Berufswahlprozess und Lehrstellenbesetzung halten – und somit eine Vorbildfunktion in Uri übernehmen.“
Ein Vorbild für alle übrigen Lehrbetriebe?
Georg Simmen: „Genau. Viele von ihnen sind heute schon vorbildlich unterwegs. Andere haben uns signalisiert, dass sie ihren Beitrag leisten wollen und werden, sofern Kanton, Schulen und Lernende gemeinsam mitziehen. Die Lehrbetriebe selber haben denn auch gewünscht, dass wir eine weitere Massnahme lancieren, nämlich eine Commitment-Liste. Lehrbetriebe, die sich zum geltenden Commitment bekennen und ein augenscheinliches Zeichen dafür setzen wollen, können sich in die Liste eintragen lassen. Die erste Auflage dieser Liste haben wir nun in diesen Tagen publiziert, unter Federführung von Angie Arnold.“
Ist die Liste lang?
Angie Arnold: „Erfreulich lang. Schon nach kurzer Zeit hat sich bereits fast ein Drittel aller Urner Lehrbetriebe eintragen lassen. Das hat uns positiv überrascht. Wir sind jetzt sehr zuversichtlich, dass die Liste in den kommenden Wochen und Monaten noch länger wird. Zudem haben einige Lehrbetriebe angeregt, dass wir ein eigenes Commitment-Label kreieren, damit die Betriebe ihr Engagement für eine faire Berufswahl noch besser sichtbar machen können. Ein solches Label ist für uns aktuell nicht vordringlich, aber wir behalten die Idee im Auge.“
Wo liegen denn die Gründe, dass sich rund zwei Drittel der Betriebe noch nicht zum Commitment bekennen wollten?
Angie Arnold: „Ich glaube, zum einen wollen Lehrbetriebe noch etwas abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Zum anderen brauchen Betriebe auch ausreichend Zeit, um ihre Prozesse umzustellen. Somit ist es für mich verständlich, dass sich Betriebe erst dann zu etwas verpflichten, wenn sie auch sicher sind, die Umsetzung gewährleisten zu können. Das ist letzten Endes auch ein Ausdruck von Qualität und Aufrichtigkeit.“
Georg Simmen: „Ich möchte diesen Gedanken unterstützen. Das Phänomen der frühen Lehrstellenzusage hat sich nicht von gestern auf heute entwickelt, und wir werden es auch nicht von heute auf morgen wieder los. Denn die dem Phänomen zugrunde liegende demografische und wirtschaftliche Entwicklung verschwindet auch nicht von heute auf morgen. Es wird also Zeit brauchen – nur schon um alle Planungen und Prozesse anzupassen, sei es in den Schulen oder in den Betrieben. Wir befinden uns also in einem Übergang. Wir werden ergriffene Massnahmen justieren und vielleicht auch neue finden müssen. Aber ein guter Anfang ist unserer Meinung nach gemacht. Gemeinsam mit unseren Verbundpartnern in der Berufsbildung wollen wir jetzt Schritt für Schritt weitergehen.“
Commitment und Commitment-Liste
Das Commitment zu Berufswahlprozess und Lehrstellenbesetzung ist eine nationale Vereinbarung der Schweizer Verbundpartner der Berufsbildung (Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt). Den Verbundpartnern ist es ein zentrales Anliegen, dass Jugendliche eine ihren Fähigkeiten und Interessen entsprechende Lehrstelle finden und Lehrbetriebe passende Lernende gewinnen können. Gemeinsame Grundsätze für den Berufswahl- und Rekrutierungsprozess von Lernenden ermöglichen eine sorgfältige sowie zeitlich abgestimmte Berufswahl im Interesse von allen Beteiligten. Die Grundsätze des Commitments sind:
- Offene Lehrstellen werden frühestens im August des Jahres vor Lehrbeginn zur Bewerbung ausgeschrieben.
- Lehrverträge werden frühestens ein Jahr vor Lehrbeginn abgeschlossen.
- Lehrverträge werden frühestens im September des Jahres vor Lehrbeginn genehmigt.
Die neue Urner Commitment-Liste soll für die Bevölkerung in Uri – aber insbesondere für die an der Berufswahl beteiligten Lernenden, Eltern, Lehrpersonen und Lehrbetriebe – als Hilfsmittel dienen und Transparenz schaffen. Ziel ist, den Berufswahlprozess zeitlich besser zu koordinieren und den Druck zu reduzieren, Lehrstellen möglichst früh zu vergeben oder anzunehmen. Davon profitieren sowohl die Jugendlichen als auch die Lehrbetriebe. Die Commitment-Liste ist auf der Website des Kantons Uri verfügbar: (Suchbegriff „Commitment-Liste“). Lehrbetriebe können sich jederzeit in die Liste eintragen lassen.
Quelle: Kanton Uri
Bildquelle: Kanton Uri