Kunst- oder Naturrasen: Was Fussballpieler über den Untergrund wissen sollten

Der Pass wird schneller, der Fuss findet plötzlich mehr Halt und nach einem Sturz brennt die Haut: Ob ein Fussballspiel auf Kunst- oder Naturrasen stattfindet, macht sich bei vielen Aktionen bemerkbar. Moderne Kunstrasensysteme kommen dem natürlichen Untergrund deutlich näher als frühere Generationen. Identisch sind die beiden Spielflächen dennoch nicht.

Für Spieler zählen vor allem Balltempo, Griffigkeit, Dämpfung und Berechenbarkeit. Beim Verletzungsrisiko lässt sich dagegen kein einfacher Sieger bestimmen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Qualität und Pflege des Platzes, die Witterung, das Schuhwerk und die individuelle Gewöhnung häufig ebenso wichtig sind wie die Frage, ob echte oder künstliche Halme unter den Füssen liegen.

Naturrasen ist ein lebender und veränderlicher Untergrund

Ein Naturrasen besteht aus Gräsern, Wurzeln und einer tragfähigen Bodenschicht. Sein Zustand verändert sich fortlaufend. Regen macht den Platz weicher und möglicherweise rutschig. Trockenheit kann ihn hart werden lassen. Intensive Nutzung führt zu Unebenheiten, kahlen Stellen und herausgetretenen Grasnarben.

Ein gepflegter Naturrasen bietet eine elastische Oberfläche, auf der sich Stollen in den Boden drücken können. Viele Spieler empfinden dieses Nachgeben als angenehm. Der Untergrund ist jedoch nicht überall gleich fest. Bereits innerhalb eines Spielfeldes können trockene, feuchte, weiche und stark beanspruchte Bereiche vorkommen.

Besonders vor den Toren, an den Seitenlinien und im Mittelkreis leidet die Grasnarbe. Bei starkem Regen können sich zusätzlich Pfützen bilden. Der Ball wird dort gebremst oder bleibt unerwartet liegen.

Wie moderner Kunstrasen aufgebaut ist

Ein aktueller Fussball-Kunstrasen besteht gewöhnlich aus Kunststofffasern, die in einem Trägergewebe befestigt sind. Zwischen den Fasern befinden sich Sand und – abhängig vom System – ein elastisches Füllmaterial. Unterhalb der eigentlichen Spielfläche können eine Elastikschicht, eine Tragschicht und eine Drainage folgen.

Von früheren, teppichartigen Hartplätzen unterscheiden sich moderne Systeme deutlich. Länge, Dichte und Form der Fasern sowie Art und Menge des Füllmaterials beeinflussen, wie weich der Platz ist, wie der Ball rollt und wie stark ein Schuh bei Drehbewegungen festgehalten wird.

Die FIFA prüft zertifizierte Systeme unter anderem auf Ballrollverhalten, Ballrückprall, Stossdämpfung, Verformung und Rotationswiderstand. Ein Kunstrasen erfüllt diese Eigenschaften jedoch nicht automatisch während seiner gesamten Lebensdauer. Fehlendes Füllmaterial, flach liegende Fasern, Verschmutzungen oder eine verhärtete Oberfläche verändern seine Spieleigenschaften.


Ein moderner Kunstrasen besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Schichten. Fasern, Füllmaterial, Elastikschicht und Unterbau bestimmen gemeinsam, wie der Ball rollt und welche Kräfte auf die Spieler wirken.

Auf Kunstrasen rollt der Ball besonders gleichmässig

Die grösste Stärke eines gepflegten Kunstrasens ist seine Gleichmässigkeit. Der Ball trifft nur selten auf Löcher, herausgelöste Grasstücke oder schlammige Bereiche. Flache Pässe lassen sich daher gut berechnen. Das erleichtert ein schnelles Kombinationsspiel mit vielen kurzen Zuspielen.

Auf einem trockenen Kunstrasen kann der Ball allerdings schneller rollen und höher oder lebhafter abspringen als auf einem weichen Naturrasen. Wird der Platz bewässert, verringert sich die Reibung. Der Ball nimmt dann zusätzlich Tempo auf. Spieler müssen ihre Passstärke und die Ballannahme entsprechend anpassen.

Naturrasen kann das Spiel dagegen stärker bremsen. Längere Halme und ein weicher Boden erhöhen den Rollwiderstand. Auf einem sehr trockenen und kurz geschnittenen Rasen kann der Ball jedoch ebenfalls ausgesprochen schnell werden. Die Bezeichnung des Belags allein erlaubt deshalb keine sichere Vorhersage des Balltempos.

Unebenheiten machen Naturrasen weniger berechenbar

Auf Naturrasen kann ein flacher Pass durch eine Unebenheit leicht verspringen. Technisch saubere Ballannahmen werden dadurch schwieriger. Gleichzeitig trägt diese Variabilität zum typischen Charakter des Spiels auf natürlichem Untergrund bei.

Auf einem hochwertigen Kunstrasen bleibt das Verhalten über weite Teile des Feldes ähnlich. Das kommt einer Spielweise mit flachen Pässen, engem Dribbling und schnellen Richtungswechseln entgegen. Eine Untersuchung mit schwedischen Elitefussballern fand auf Kunstrasen mehr kurze Pässe und weniger Grätschen als auf Naturrasen. Laufleistung und Zahl der Sprints unterschieden sich dagegen nicht wesentlich.

Die Ergebnisse stammen aus bestimmten Plätzen und Spielbedingungen. Sie bedeuten nicht, dass jede Mannschaft auf jedem Kunstrasen automatisch schneller oder passorientierter spielt.


Fussballschuhe unterscheiden sich in Anzahl, Form und Länge ihrer Nocken. Die Sohle sollte zum jeweiligen Untergrund passen, damit der Fuss ausreichend Halt findet, sich bei Drehbewegungen aber wieder lösen kann.

Wie sich die Untergründe für Spieler anfühlen

Viele Spieler beschreiben Kunstrasen als griffiger und härter. Der Fuss sinkt kaum in den Boden ein. Beschleunigungen und kurze Richtungswechsel können dadurch sehr direkt wirken. Gleichzeitig werden Bremskräfte möglicherweise stärker auf Fuss, Sprunggelenk und Knie übertragen, wenn Schuh und Oberfläche sehr fest ineinandergreifen.

Naturrasen kann einen Teil der Bewegung aufnehmen, weil Stollen und Grasnarbe nachgeben. Bei Nässe besteht allerdings die Gefahr, dass der Schuh zu wenig Halt findet. Wegrutschen kann ebenso zu Verletzungen führen wie ein Fuss, der bei einer Drehung zu stark fixiert bleibt.

Nach einem Wechsel des Untergrundes berichten manche Spieler über schwere Beine, Muskelkater oder ein ungewohntes Gefühl in den Gelenken. Solche Wahrnehmungen beweisen keine Schädigung. Sie zeigen jedoch, dass sich Bewegungsabläufe und Belastungen verändern können.

Das passende Schuhwerk reduziert vermeidbare Risiken

Die Sohle muss zum jeweiligen Platz passen. Lange, stark ausgeprägte Stollen sind für weichen Naturrasen vorgesehen. Auf festem Kunstrasen können sie zu tief zwischen den Fasern greifen und Drehbewegungen des Fusses behindern.

Für moderne Kunstrasenplätze gibt es AG-Sohlen mit mehreren kürzeren und häufig abgerundeten Nocken. Sie verteilen den Druck und sollen ein kontrollierteres Lösen vom Untergrund ermöglichen. Schuhe mit zahlreichen kleinen Gumminoppen, sogenannte Turf- oder TF-Modelle, eignen sich vor allem für kurze, ältere oder besonders harte Kunstrasenflächen.

FG-Sohlen sind in erster Linie für festen Naturrasen ausgelegt. Manche Hersteller kennzeichnen einzelne Modelle als Kombination für Natur- und Kunstrasen. Entscheidend ist die konkrete Freigabe des Schuhs. Abgenutzte, beschädigte oder ungeeignete Sohlen sollten nicht verwendet werden.


Verletzungen des Sprunggelenks können auf Kunst- und Naturrasen auftreten. Entscheidend sind neben dem Belag auch der Zustand des Platzes, das Schuhwerk, die Spielsituation und die körperliche Vorbereitung.

Verursacht Kunstrasen mehr Verletzungen?

Die wissenschaftliche Antwort lautet: nicht grundsätzlich. Eine 2023 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse wertete 22 Fussballstudien aus. Insgesamt wurde auf Kunstrasen keine höhere Verletzungsrate festgestellt. In den zusammengefassten Daten war die Rate bei Männern und Frauen sogar niedriger als auf Naturrasen.

Dieses Ergebnis darf nicht als Beweis verstanden werden, dass jeder Kunstrasen sicherer ist. Die einbezogenen Studien unterschieden sich erheblich. Untersucht wurden verschiedene Altersgruppen, Leistungsstufen, Klimazonen und Kunstrasengenerationen. Nur ein Teil der Arbeiten berücksichtigte mögliche Einflussfaktoren wie Platzqualität und Pflege statistisch.

Andere Untersuchungen fanden bei einzelnen Verletzungsarten oder bestimmten Spielergruppen Unterschiede. Zudem können sich Verletzungsmuster verschieben, obwohl die Gesamtzahl ähnlich bleibt. Die pauschale Aussage, Kunstrasen verursache grundsätzlich mehr Knie- oder Kreuzbandverletzungen, lässt sich für den Fussball anhand der verfügbaren Daten nicht bestätigen.

Einen vertiefenden Überblick bietet der Beitrag über die häufigsten Fussballverletzungen und die sichere Rückkehr auf den Platz.

Wichtiger als das Material ist häufig der Zustand des Platzes

Ein ebener, elastischer und fachgerecht gepflegter Kunstrasen kann sicherer sein als ein harter, löchriger Naturrasen. Umgekehrt kann ein alter und verdichteter Kunstrasen problematisch werden. Entscheidend sind unter anderem:

  • ausreichende Stossdämpfung und Elastizität,
  • ein angemessener Rotationswiderstand,
  • gleichmässig verteiltes Füllmaterial,
  • aufgerichtete und intakte Fasern,
  • eine saubere Oberfläche ohne Fremdkörper,
  • funktionierende Entwässerung,
  • regelmässige Wartung und technische Prüfung.

Auch Naturrasen benötigt kontinuierliche Pflege. Mähen, Bewässern, Düngen, Lüften, Nachsäen und das Ausbessern beschädigter Stellen sind nötig, damit die Oberfläche belastbar und gleichmässig bleibt.

Schürfwunden und Hitze auf Kunstrasen

Bei einer Grätsche oder einem Sturz reibt die Haut auf Kunstrasen häufig stärker über die Oberfläche. Daraus können schmerzhafte Schürfwunden entstehen. Lange Hosen bieten Torhütern einen gewissen Schutz. Offene Wunden werden sofort gereinigt und abgedeckt, damit kein Schmutz eindringt.

Bei direkter Sonneneinstrahlung kann sich Kunstrasen erheblich stärker erwärmen als Naturrasen. An heissen Tagen sind ausreichende Trinkpausen, Schatten während der Unterbrechungen und eine Beobachtung der Platztemperatur wichtig. Eine Bewässerung kann die Oberfläche kurzfristig abkühlen, die Wirkung hält jedoch nicht unbegrenzt an.

Vorbereitung auf einen ungewohnten Belag

Wer normalerweise auf Naturrasen trainiert und ein Spiel auf Kunstrasen bestreitet, sollte nach Möglichkeit bereits zuvor eine Einheit auf dem neuen Untergrund absolvieren. Spieler können dabei Balltempo, Rückprall und Bremsverhalten kennenlernen.

Vor dem Anpfiff helfen einige einfache Massnahmen:

  • Platzzustand und Feuchtigkeit bei der Ankunft prüfen.
  • Passende Schuhe für genau diesen Untergrund wählen.
  • Aufwärmen, Richtungswechsel und kurze Sprints auf dem Spielbelag durchführen.
  • Flache Pässe, Ballannahmen und das Absprungverhalten testen.
  • Bei Hitze zusätzliche Trinkpausen einplanen.
  • Schmerzen oder auffällige Unsicherheit nicht ignorieren.
  • Nach einem Sturz Schürfwunden umgehend versorgen.

Gezieltes Kraft-, Gleichgewichts- und Sprungtraining schützt unabhängig vom Belag. Weitere geeignete Massnahmen erklärt der Ratgeber zur Verletzungsprävention im Teamsport.

Video-Tipp: Welche Fussballschuhe gehören auf Kunstrasen?

Das deutschsprachige Video erklärt den Unterschied zwischen AG-Fussballschuhen für Kunstrasen und Modellen für andere Beläge. Es zeigt anschaulich, weshalb Anzahl, Länge und Form der Nocken zur Spielfläche passen müssen.



Fazit

Kunstrasen bietet eine gleichmässige, intensiv nutzbare Oberfläche und begünstigt ein berechenbares, schnelles Passspiel. Naturrasen fühlt sich für viele Spieler natürlicher und nachgiebiger an, verändert sich aber stärker durch Wetter, Nutzung und Pflegezustand.

Beim Verletzungsrisiko lässt sich keiner der beiden Beläge pauschal als gefährlicher einstufen. Ein moderner und gut gepflegter Kunstrasen weist nach der bisherigen Fussballforschung keine grundsätzlich höhere Gesamtverletzungsrate auf. Ausschlaggebend sind die konkreten Oberflächeneigenschaften, der Zustand des Platzes, geeignetes Schuhwerk, eine ausreichende Gewöhnung und eine gute körperliche Vorbereitung.

 

Bildquellen: Bild 1: Symbolbild © matimix/Shutterstock.com; Bild 2: Symbolbild © DiPres/Shutterstock.com; Bild 3: Symbolbild © G Ground Picture/Shutterstock.com; Bild 4: Symbolbild © KAMChokE/Shutterstock.com

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